Ist online Unterricht gleichwertig zum persönlichen Unterricht?

Diese Frage beschäftigt mich schon länger, da ich schon seit Jahren immer mal wieder Schüler online unterrichte. Meistens waren das Schüler, die in Frankfurt wohnen, aber im Ausland in die Schule gingen und dort weiterhin meine Unterstützung wollten.

Aus dem Bauch heraus habe ich immer die These vertreten, dass persönlicher Unterricht besser ist als online Unterricht. Den online Unterricht habe ich immer als Notlösung gesehen, wenn es eben nicht anders ging. Diese These kann ich nun getrost verwerfen. Es hat sich gezeigt, dass online Unterricht ein absolut vollwertiger Ersatz für den persönlichen Unterricht ist, wenn man über Nachhilfe für Schüler ab der Klasse 8 spricht. Bei jüngeren Kindern ist es von Fall zu Fall verschieden, ob online Unterricht sinnvoll ist oder nicht. So ist jedenfalls meine Erfahrung.

Wie komme ich nun zu der Behauptung, dass der online Unterricht gleichwertig ist? Ein Beleg wäre ja nicht schlecht! Schon lange beschäftigt mich die Frage, was denn die „Wirkfaktoren“ für erfolgreichen Nachhilfeunterricht sind. Kurz gesagt ist die Tatsache, dass der Lehrer persönlich neben dem Schüler sitzt, sehr selten ein entscheidender Wirkfaktor. Sehr selten bedeutet, dass es eben doch manchmal eine Rolle spielt. Also kommen wir erst einmal zu den Dingen, die im online Unterricht problematisch sind.

Im online Unterricht habe ich als Lehrer keine direkte Kontrolle darüber, ob der Schüler nebenbei an seinem Handy Nachrichten verschickt oder durch andere Dinge abgelenkt ist. Wenn ein Schüler diesen gewonnen Spielraum ausnutzt, ist die Autorität des Lehrers durch persönliche Anwesenheit durchaus hilfreich für besseren Unterricht. Dies betrifft überwiegend jüngere Schüler. Und deshalb ist es dann eine Entscheidung von Fall zu Fall, ob der Unterricht online funktioniert oder nicht. Ab Klasse 8 / 9 haben die Kinder aber in aller Regel die Reife, dass sie ihr Handy weglegen oder andere Ablenkungen (auch auf die Bitte des Lehrers) vermeiden. Das funktioniert auch mit Schülern die unter AD(H)S leiden. Die Techniken, die ich verwende, um mit AD(H)S Schülern zu arbeiten, funktionieren auch online. Es würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen, darauf im Detail einzugehen. Außerdem möchte ich meine „Betriebsgeheimnisse“ nicht öffentlich ausplaudern.

Ein zweiter kritischer Aspekt im online Unterricht ist, dass ich nicht durch die Hefte des Schülers schauen kann. Auch hier kann der Schüler die gewonnene Freiheit ausnutzen und mir nur das präsentieren, was ihm gerade gefällt und was er gerne macht. Die Sachen, die er gar nicht versteht oder überhaupt nicht mag, verschweigt er einfach. Das fällt dann nach der ersten Arbeit auf, aber bis dahin ist das Kind in den Brunnen gefallen. Dieses Problem kann man durch Kommunikation und Abstimmung in den Griff bekommen.

Ein dritter Punkt sind bestimmte Themen in der Geometrie, die ich noch nicht perfekt online zeigen kann. Das betrifft vor allem geometrische Konstruktionen mit Geodreieck und Zirkel, also hauptsächlich die Klassen 6 bis 8. Den Zirkel ins iPad zu stechen hat sich als nicht zielführend erwiesen. Stattdessen gibt es Geometrie und Konstruktionssoftware, die einen Zirkel und ein Geodreieck einblenden. Man konstruiert dann genau so wie ein Lehrer an der Tafel im Klassenraum. Allerdings habe ich hier noch keine wirklich gute Software gefunden.

Und viertens ist online Unterricht anstrengender, weil die Augen fest und konzentriert auf den Bildschirm starren. Deshalb sind hier 60 Minuten Unterricht meistens ausreichend. Wenn das nicht reicht, dann sollte man lieber einen zweiten Termin in der Woche buchen, statt 90 Minuten am Stück zu nehmen.

Das Thema Lernmotivation ist online genauso gut oder schlecht zu lösen wie im persönlichen Unterricht. Manchmal gelingt der Aufbau von Lernmotivation, oft aber auch nicht. Das liegt daran, dass die „Motivationsräuber“ meistens außerhalb des Einflussbereichs des Nachhilfelehrers liegen. Motivation entsteht durch Motive. Und oft sind in Schülern unbewusste gegensätzliche Motive aktiv, die blockieren und sich nach außen als Antriebslosigkeit oder Faulheit äußern. In vielen Fällen mangelnder Lernmotivation wäre ein systemischer Berater / Therapeut der bessere Ansprechpartner.

Kommen wir nun zu den wirklich entscheidenden Wirkfaktoren von Nachhilfe. Von denen fällt kein einziger durch den Umstieg auf online Unterricht weg:

  • Eine reife und ausgeglichene Persönlichkeit des Nachhilfelehrers.
  • Fachkompetenz und Engagement des Lehrers.
  • Die Fähigkeit, eine strukturierte Unterrichtsstunde aufzubauen und in ein Gesamtziel einzufügen.
  • Die Fähigkeit individuelle Lösungen zu finden, die dem Schüler helfen.
  • Die Fähigkeit, Dinge anschaulich und auf unterschiedliche Arten zu erklären.
  • Erkennen von Problematiken des Schülers (Verständnisprobleme, Probleme mit dem Erkennen von Strukturen, Probleme mit der Abstraktion und dem Transfer des gelernten etc.)
  • Erfahrung, Geduld und Verständnis im Umgang mit Jugendlichen.
  • Aufbau und Aufrechterhaltung einer vertrauensvollen / tragfähigen Beziehung der Zusammenarbeit.
  • Akzeptanz durch den Schüler, Aufbau von Autorität.
  • Selbstwirksamkeit des Lehrers und damit die Fähigkeit, Selbstwirksamkeit im Schüler zu stärken (Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung nach Albert Bandura).
  • Aufbau und Stärkung des Selbstvertrauens in die eigenen Mathe Fähigkeiten des Schülers durch das Generieren kleiner Erfolge, gezieltes Geben von Bestätigung etc.
  • Regelmäßiger Unterricht, ohne Ausfälle, auf ein langfristiges Ziel ausgerichtet.
  • Unterstützung außerhalb der Nachhilfestunde bei Fragen und Anfällen spontaner Motivation um 22:00 Uhr.

Damit steht es 13:4 für die Aussage: „Online Unterricht ist ein gleichwertiger Ersatz“. Wie wesentlich die vier negativen Aspekte sind, muss jeder selbst für sich bewerten. Zentral für die Wirksamkeit des Unterrichts ist die Person des Lehrers, vollkommen unabhängig davon, ob der Unterricht online oder persönlich stattfindet. Ein Lehrer, der persönlich guten Unterricht macht, der wird das auch im online Unterricht können. Dies zeigt sich ja auch im Distanzunterricht der Schulen. Die engagierten und guten Lehrer liefern auch, wenn die Schule geschlossen ist und die Schüler zu Hause sind. Dass es dann manchmal trotzdem haarsträubend schief läuft ist eher der Verwaltung und den Kultusministern zuzuschreiben, die mit ihren Erlassen die Hände der Lehrer ziemlich fest zusammenbinden und keinen Handlungsspielraum mehr lassen.

Die Phase des Anpassens und des Ausprobierens im online Unterricht kann nach einem Jahr als abgeschlossen betrachtet werden. Zumindest für mich und meinen Unterricht kann ich sagen, dass ich sowohl in der Didaktik als auch in der Technik die nötigen Anpassungen vorgenommen und erprobt habe. Aber wie immer gilt für mich auch hier: „Nie stehen bleiben und immer schauen, was man noch besser machen könnte!“

 

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